MASTERTHESIS | SILVAN HALM | UMSONST UND DRINNEN | ZENTRALE DER MÜNCHNER STADTBIBLIOTHEKEN

Städtebauliche Einordnung:
Liest man auf den Webseiten der Münchner Stadtbibliotheken etwas über die
Geschichte der Institution, stößt man hier auf ein Leitbild, welches den ideellen
Charakter einer öffentlichen Bibliothek verdeutlicht:
Carl Amery als ehemaliger Direktor verstand die Bibliothek als
(…) „Realutopie“(…) in der sich (…) „Sachverstand und Phantasie kreuzen sollten“
(…).
Die Frage nach der Hülle – dem Raum für eine öffentliche Einrichtung,
die sich als möglichst schwellenlos und absolut unkommerziell artikuliert,
kennt viele Antworten und unterschiedlichste mehr oder weniger erfolgreiche
Ansätze.
Die Masterthesis setzt sich den konkreten Entwurf einer neuen
Zentralbibliothek an der Donnersbergerbrücke in München zum Ziel.
Der Standort ist an den seit Anfang der 2000er in Entwicklung
befindlichen zentralen Bahnflächen verortet. Großflächige Wohn- und
Bürobebauungen sind im Bau oder im wie im benachbarten Arnulfpark bereits
Fertiggestellt. Infrastrukturell ist die Donnersbergerbrücke ein Knotenpunkt
zwischen Stadtautobahn und Bahn-Stammstrecke und somit optimal
städtisch und überregional eingebunden. Das bestehende Kulturangebot der
Stadt ist vor allem zentral angelegt oder mit dem ab 2020 sanierten Gasteig im
östlichen Teil der Stadt.
Frühere Stadtentwicklungen sehen hier bereits eine polyzentrische
Stadtentwicklung vor.
Die starke Nachverdichtung betrachtend, wirkt diese Strategie auch heute
nachvollziehbar.
Ein zentraler Aspekt des Grundstücks und damit auch der Entwurfsaufgabe ist
die Verbindung der westlichen Stadtteile mit dem Zentrum, sowohl nach
stadträumlichen Aspekten, als auch in der Vernetzung einer neu geschaffenen
Fuß- und Radweg Verbindung zwischen Pasing und der Innenstadt auf beiden
Seiten der Gleisanlagen. Die Donnersbergerbrücke als 60 meter breite Zäsur
hemmt eine durchgängige Planung und Durchwegung des Areals.
Es entsteht hier die Chance einer Optimierung der übergeordneten
Zusammenhänge sowie einer starken Vernetzung der Bibliothek zwischen den
verschiedenen Ebenen und Anknüpfungspunkten.
Die Integration des Durchgangsverkehrs in das entstehende Ensemble
unterstützt auch den öffentlichen Charakter des Gebäudes.
Die städtebauliche Höhenentwicklung verfügt über mehrere Hochpunkte im
näheren Umfeld. Unmittelbar im Norden befindet sich der Mercedes Turm mit
68 Metern. Ebenfalls nördlich der Gleise stehen das BR-Funkhaus und ab
2020 vorraussichtlich der Neubau des Starnberger Bahnhofs mit ca. 75 Metern.
Südlich der Gleisanlagen steht der 85 Meter hohe City Tower und
ebenfalls in Sichtweite das ADAC Hochhaus am Heimeranplatz.
Entwurf:
Zwei Primärvolumen bilden die Grundlage von Bibliothek und
Volkshochschule.
Sie sind den jeweiligen Funktionsbereichen des Gebäudes zugeordnet und
bilden an Ihrer Schnittstelle Hauptadresse, Verteiler und funktionale Überlagerungen,
welche die Synergieeffekte der Einrichtungen stärken.
Im Turm entwickelt sich die Bibliothek als vertikales Raumgefüge um einen
asymmetrisch platzierten Kern. Mit 75 Metern Höhe erweitert er die
Torsituation zwischen den Hochpunkten Cityhochhaus und Mercedes zu
einem Tryptichon mit einem leichten Höhencrescendo.
Im Sockel gruppieren sich die Räume der VHS um mehrere Innenhöfe.
Ein offen gehaltener Bereich im Untergeschoß kann flexibel z.B. für Ausstellungen
genutzt werden. Die Belichtung wird über großflächige Oberlichter
geregelt. Im zweiten Untergeschoß sind das Magazin, Lager- und Technikflächen
untergebracht. Das Dach des Sockels dient dem Gebäude als offener
Platz und ist gleichzeitig Verteilerplattform zur Erschließung der Donnersbergerbrücke
und der Durchwegung von West nach Ost.
Zentraler Gedanke ist einen öffentlichen Ort zu schaffen, der Teil der übergeordneten
zusammenhänge ist und so integrativer Bestandteil des
öffentlichen Raums im Gesamten ist.#

FASSADE UND MATERIALITÄT:
Allgemeines:
Opake und transparente Flächen geben die innere Organisation des Gebäudes
wieder. Mehrgeschoßig offene Verglasungen stehen dem Bild der Introvertierten
Bibliothek entgegen. Tageslichtsteuerung zum Schutz der Buchbestände
erfolgt über zwei separat gesteuerte Vorhanglagen.
Tagsüber, bei direkter Sonneneinstrahlung verleiht die textile Überlagerung der
Hülle eine transluzente Tiefe, welche im Zusammenhang mit der durchlässigen
Konnotation des Vorhangs die Wirkung eines offenen Bauwerks aufrecht
erhält.
Die Oberflächengestaltung der massiven Bauteile erfolgt mit Schaumglasbeton
in Sandwich-Bauweise. Die Außenflächen sind in Sägerauer Brettschalung erstellt,
wobei die Turmfassade in vertikaler und der Sockelbereich in horizontaler
Richtung strukturiert werden.
Die innen liegenden Oberflächen sind stark durch
das Medium Buch geprägt. Sichtbare Wandflächen, Treppenbrüstungen im
Foyerbereich sowie Brüstungen in der Tragebene werden in fein gestocktem
Beton ausgeführt. Absturzsicherungen an zwischen den Regelgeschoßen
liegenden Öffnungen und Treppen sind wie Regal, Thekeneinbauten und
Fassadenpfosten in weiß lasierter Eiche gehalten.
Zu den Fassaden gewandte Regalflächen sind mit offener Rückseite versehen.
Ein Netz dient zur Absturzsicherung der Medien. Insbesondere nachts bei
künstlicher Beleuchtung und geöffneter Fassade tritt so das Buch und die Funktion
des Gebäudes in den Außenraum.
Im Innenbereich des Gebäudes wird Linoleumboden als gut zu reinigende und
geräuschreduzierende Oberfläche gewählt.
Der Außenbereich des Gebäudes wird mit Brannenburger Nagelfluh
(„Herrgottsbeton“) aus dem Alpenvorland gestaltet.
Künstliche und natürliche Steinkonglomerate bilden eine differenziertes Gefüge
der einzelnen Bauteile in ihrem jeweiligen Einsatzbereich.
Nicht begehbare Teile werden extensiv mit Hohen Gräsern und Stauden bepflanzt
und kontrastieren den Blick auf die Bahnflächen.
Die Deckenflächen in grobem Streckmetall schaffen ein plastisch homogenes
Bild. Die Beleuchtung ist je nach Situation integriert oder abgehängt um dezidierte
Lichtsituationen zu schaffen.
Im Ganzen strebt das Konzept an, ein nahbares Gebäude zu gestalten, dass
dem Nutzer verschiedene Aufenthaltsqualitäten bietet. Strukturierte Oberflächen
sind optisch und haptisch erfahrbar. Vorhänge – häufig mit privatem assoziiert
– teilen und verbinden Räume im Innenraum und an der Fassade.
Technische Aspekte der Fassade:
Um den Unterschiedlichen Anforderungen des Gebäudes gerecht zu werden,
ist eine Closed-Cavity-Fassade mit dezentralen Wärmetauschern vorgesehen.
Eine zentrale Trockenluftversorgung verhindert Kondensatbildung in den Fassadenzwischenräumen.
In Verwaltungsräumen ist für diesen Bereich eine
natürliche Belüftung vorgesehen, welche den Nutzern die individuelle Steuerung
überlässt.
Die Steuerung der außen liegenden Vorhangebene, sowie Innen in den
Geschoßübergreifenden Bereichen erfolgt nach jeweiliger
Belichtungssituation automatisiert. Einzelne Elemente lassen sich in den
Lesenischen und der Verwaltungsebene manuell bedienen.
Nachts bei Kunstlicht wäre es damit auch möglich die Vorhänge als Pixel
zu begreifen und Bilder auf der Fassade entstehen zu lassen.

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